Thema: Flechten

Viele Menschen sind Flechten sicherlich schon begegnet, ohne von ihnen Notiz zu nehmen oder sich bewußt zu werden, daß es sich dabei um Lebewesen handelt. Manche Krustenflechten, welche wir auf altem Mauerwerk finden, sind eher von unscheinbaren Farben und als kreisförmige „Farbkleckse“ zu erkennen. Andere Flechten, welche auf der Rinde von Bäumen leben, haben eine eher flache blattförmige Struktur, wobei diese manchmal sehr klein kann und erst beim genaueren Hinschauen erkannt wird. Flechten bestehen aus zwei Organismen, welche zum gegenseitigem Nutzen eine Lebensgemeinschaft, eine Symbiose, bilden. Ein Pilz bildet hierbei den eigentlichen Flechtenkörper, oft mit einer festeren oberen und unteren Rindenschicht. Zwischen diesen Schichten sind in dem Pilzgewebe einzellige Grünalgen oder in seltenen Fällen auch Blaualgen (Cyanobakterien) eingelagert. Diese sind wie die Pflanzen in der Lage, mit Hilfe des Sonnenlichtes und dem CO2 in der Luft organische Substanz aufzubauen (die Photosynthese) und ernähren damit die gesamte Flechte. Der Pilz wiederum stellt den Algen mit seinem Gewebe einen Wohnort zur Verfügung, welcher diese vor schädlichen Umweltbedingungen wie z.B. intensiver UV-Strahlung schützt.

Die Lebensgemeinschaft beider Organismen, die Flechte, hat wiederum Eigenschaften, die man nur in der Flechte, jedoch nicht bei den Einzelorganismen findet, wie zum Beispiel die Produktion von Flechtensäuren und Farbstoffen sowie ein sehr starke Trockenresistenz. Das Zusammenspiel im Stoffwechsel zwischen beiden Organismen stellt die folgende Abbildung dar:

Flechtenstoffwechsel
Abb. 1: Verteilte Aufgaben in der Symbiose der Flechte

Aufbau der Flechten

Flechten können je nach Inhaltsstoffen ganz unterschiedlich gefärbt sein. Meist überwiegen graue, grüne oder braune Farbtöne. Man kann jedoch intensiv gelb oder orange gefärbte oder schwarze Flechten finden. Nach der äußeren Erscheinungsform unterteilt man die Flechten grob in drei verschiedene Kategorien:

  • die Krustenflechten
    Der Flechtenkörper ist sehr flach auf dem Substrat (der Unterlage aus Stein oder Holz) ausgebreitet und fest mit diesem verwachsen. Das Lager ist meist nur 1-2 mm dick. Man kann die Flechte nicht von der Unterlage ablösen, ohne dabei den Flechtenkörper zu zerstören.
    Beispiel: die weit verbreitete Mauerflechte (Lecanora muralis)

  • die Laub- oder Blattflechten
    Die Flechte wächst mehr oder weniger zweidimensional auf ihrer Unterlage in Form von verschieden ausgeformten Lappen oder Blättchen. Die Flechte ist auf ihrer Unterseite entweder an mehreren Stellen mit ihrer Unterlage verwachsen oder nur an einer zentralen Stelle (Nabelflechten). Oftmals findet man auf der Unterseite noch kleine wurzelähnliche Gebilde (die Rhizinen), welche der Verankerung dienen.
    Beispiele:
    Gelbflechte     Fels-Schüsselflechte
    die gewöhnliche Gelbflechte(Xanthoria parietina),
    Fundort: Tüllinger Berg
      die Fels-Schlüsselflechte(Parmelia saxatilis,
    Fundort: Blauen, Markgräfler Land
  • die Strauchflechten
    Strauchflechten ähneln in ihrer Wuchsform kleinen Sträuchern, sie wachsen dreidimensional und sind aufgerichtet. Die astartigen Verzweigungen können aus flachen oder eingerollten Bändern bestehen oder sie sind rundförmig aufgebaut.
    Beispiel:
    Pflaumenflechte
    die Pflaumenflechte oder Eichenmoos (Evernia prunastri),
    Fundort: Tüllinger Berg

Einige Flechten passen hinsichtlich ihrer Erscheinungsform nicht genau in dieses Schema, wie z.Bp. die strahlige Schönflechte, die in ihrem inneren Bereich eher eine krustige Beschaffenheit hat und am Rand blattförmig wächst.

Vermehrung

Eine Flechte kann sich sowohl sexuell als asexuell fortpflanzen. Bei der asexuellen Fortpflanzung werden sowohl Gewebe vom Pilz als auch Algen zusammenhängend verbreitet. Entweder brechen dabei kleine Stücke vom Lager der Flechte ab ( Isidien mit Sollbruchstellen) oder es werden in den Soralen die sogenannten Soredien produziert. Diese Soredien bestehen aus Algenzellen, welche mit ein paar Pilzhypen umschlungen sind (siehe untere Abbildung). Zur sexuellen Fortpflanzung ist nur der Pilzpartner befähigt. Dazu werden in bestimmten Organellen, den Apothecien, Pilzsporen produziert, welche über die Luft verbreitet werden. Die Apothecien können verschiedene Formen haben. Mal sehen sie diskusförmig erhoben aus, mal haben sie eher eine halbkugel- oder kappenförmige Erscheinung (siehe untere Abbildung).

Vermehrung der Flechten
Abb. 2: Vermehrungseinheiten der Flechten

Neben den Apothecien gibt zudem noch die Perithecien, in denen ebenso Pilzsporen zur sexuellen Fortpflanzung produziert werden. Diese sind jedoch im Gegensatz zu den Apothecien in das Lager eingesenkt und erscheinen nach außen hin nur als kleine Pore.

Ökologie und Naturschutz

Flechten sind hinsichtlich ihrer Anpassungsfähigkeit an außergewöhnliche Umweltbedingungen eher als Extremisten und Pioniere anzusehen. Man trifft sie in Gebieten mit extremer Trockenheit an wie den Trocken- und Polarwüsten, im Hochgebirge noch in Höhen von 4000m, wo andere Pflanzen nicht mehr überleben können, als Erstbesiedler in neu entstandenen Lebensräumen wie z.B. Steinbrüchen oder auf von Schwermetallen verseuchten Böden. Flechten können bei Trockenheit ihren Stoffwechsel komplett einstellen und diesen nach Jahren der Trockenheit wieder aktivieren, wenn die Umgebung genügend Feuchtigkeit zur Verfügung stellt. Flechten können auch sehr langlebig werden. In den Alpen fand man schon Flechten mit einer Lebensspanne von über 1000 Jahren.
Aber auch die Krustenflechten auf unseren Parkmauern müssen teilweise innerhalb eines Tages große Temperaturunterschiede verkraften (Aufheizung bis 70°C bei intensivem Sonnenschein im Sommer).
Flechten profitieren im Allgemeinen von Naturschutzmaßnahmen, welche auf die Erhaltung von bestimmten Lebensräumen zielen. So siedeln beispielsweise insbesondere auf der Rinde von alten Apfelbäumen in unseren Streuobstwiesen viele verschiedene Flechtenarten (u.a. Parmelia-, Physica-Arten, Pflaumenflechte, Lepraflechte, Gelbflechten), die indirekt von Maßnahmen zum Erhalt der Streuobstwiesen (siehe auch Thema Streuobstwiesen) profitieren.
Das Naturschutzgebiet Fiedrich-August-Grube auf dem Dachsberg im Schwarzwald weist u.a. hochspezialisierte Flechtengemeinschaften auf schwermetallhaltigen Böden auf. Aber auch jeder einzelne Hausbesitzer kann zum Flechtenschutz beitragen, indem er den auf alten Gartenmauern gewachsenen Krustenflechten nicht mit der Metallbürste zu Leibe rückt.

Matthias Grupe,  NABU Lörrach